„Wasch ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein“ Zur bleibenden Mythologie von Hygiene und Waschung – Mathias Wirth

Die Hygiene scheint in nach-aufklärerischer Zeit so omnipräsent im menschlichen Alltag zu sein, wie Kirche und Religion davor. Der Theologe Mathias Wirth zeigt Aspekte des Waschens und Reinigens auf, die nichts (oder zumindest nicht vordergründig) mit Desinfektion zu tun haben. Besonders die Verwendung von Wasser zeigt dabei die mythisch-religiösen Ursprünge der Hygiene. Neben der Reinigung von Schmutz oder Bakterien steht noch die Reinigung von Schuld und Scham, die, nicht nur in der christlichen Religion, der Kraft des Wassers und seiner rituellen Verwendung zugeschrieben wird. Hygiene erscheint so teilweise als säkularisierte Form religiöser Praxis. Von der Verwendung von Weihwasser zu kirchlichen Anlässen bis zur Austreibung von Krankheiten und Dämonen und den heilenden Quellen, die jedes Jahr unzählige Pilger anziehen ist Wasser jedenfalls im Christentum allgegenwärtig. Dem Wandel vom Mythos zum Logos scheint der Wandel der magischen zur hygienischen Bedeutung von Wasser und Waschen zu folgen, womit die Sehnsucht der Menschen nach einer religiösen Geborgenheit selbstverständlich nicht verschwunden ist. Der Mensch bleibt „animal symbolicum“ (Cassirer), muss sich sein Leben anhand von Mythen und Riten deuten. Auch in der profanen, der Hygiene dienenden Waschung etwa im Bad, sucht der Mensch hintergründig Geborgenheit und Reinheit.

Die mythisch-religiösen Elemente der Hygiene müssen auch deshalb im Auge behalten werden, weil sonst die Gefahr besteht, die Hygiene-Aufklärung, die sich im Sinne Horkheimers und Adornos verkehren und gegen den Menschen wenden kann, nicht erkennen zu können. Entritualisierung, Entzauberung der Welt bedeutet immer auch einen Verlust an Heilserfahrungen, die Menschen in ihrem Leben einen Halt zu geben vermögen, den profane Reinigung oder Hygiene nicht zu bieten haben. Die kritische Hinterfragung einzelner Riten muss und darf deshalb selbstverständlich nicht aufgegeben werden. Eine unreflektierte Wissenschaftsgläubigkeit, die letztlich Medizin, Physik oder andere Naturwissenschaften auf den Thron der Unantastbarkeit hebt, birgt aber genauso Gefahren wie auf der anderen Seite religiöser Fanatismus.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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